2. Korinther 5,19 – „Gott versöhnte die Welt mit sich“ — Gott ist Versöhner, nicht Versöhnter
„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich“ sagt zweimal, dass Gott das handelnde Subjekt der Versöhnung ist — nicht der zu besänftigende Empfänger. Die Strafsubstitution kehrt die Richtung um: Sie lässt Christus den zornigen Gott besänftigen. Paulus aber definiert die „Weise“ der Versöhnung selbst: „indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete“ — also durch gnädigen Erlass, nicht durch eine an Gott geleistete Zahlung. Sozinianisch: Christus zeigt den bereits gnädigen Gott und wendet uns ihm zu.
Aber das alles von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
2. Korinther 5,18–19
Kontext
2. Korinther 5,11–21 ist eine geschlossene Argumentationseinheit über den apostolischen Dienst. Paulus rechtfertigt seinen Dienst (V.11–13), begründet ihn aus der Liebe Christi (V.14–15), zieht die Konsequenz der „neuen Schöpfung“ (V.16–17) und mündet in das „Wort von der Versöhnung“ (V.18–21). Der Vers steht also im Horizont der Verkündigung — das Stichwort ist „Dienst“ und „Botschaft“, nicht ein juridischer Strafvollzug am Kreuz.
Die Wortgruppe katallagê/katallássô (Versöhnung/versöhnen) durchzieht die Verse 18–20 fünfmal. Paulus hämmert das Subjekt ein: „das alles aber von Gott“ (V.18), „Gott war in Christus und versöhnte“ (V.19). Gott ist nicht der, der versöhnt wird, sondern der, der versöhnt. Diese grammatische Beobachtung ist der Angelpunkt der gesamten Auslegung.
Der Schlussvers V.21 („den, der keine Sünde kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht“) wird traditionell als Beleg der Strafsubstitution gelesen. Doch V.21 ist die Präzisierung von V.19, nicht eine zweite, gegenläufige Aussage. Was V.19 grundsätzlich sagt (Gott versöhnt durch Nichtanrechnung), darf V.21 nicht aufheben. Die Auslegung von V.21 ist eigens behandelt (vgl. den Eintrag zu 2. Korinther 5,21).
Historisch schreibt Paulus an eine zerrissene Gemeinde, die seine Autorität bestreitet. Das „Wort von der Versöhnung“ ist darum kein abstraktes Dogma über den Kreuzesmechanismus, sondern ein seelsorglicher Aufruf: „Lasst euch mit Gott versöhnen“ (V.20). Die Spitze ist ein Ruf zur Umkehr der Menschen — nicht eine Beschreibung einer Wandlung in Gott.
Sozinianische Kernthese
Die strafsubstitutive Lesart muss die Richtung des Verses umkehren. Sie liest: Christus versöhnt den zornigen Gott, indem er die geforderte Strafe trägt. Der Text sagt aber das Gegenteil: Gott versöhnt die Welt — Gott ist Ausgangspunkt und Urheber, nicht Adressat der Versöhnung. Im gesamten paulinischen Sprachgebrauch ist Gott niemals das Objekt von katallássô; stets sind es die Menschen, die mit Gott versöhnt werden (Röm 5,10; Kol 1,20–22).
Sozinianisch gelesen bezeichnet „Versöhnung“ die Wiederherstellung einer zerbrochenen Beziehung von Gottes Seite her. Die Feindschaft liegt auf unserer Seite (Röm 5,10: „als wir noch Feinde waren“); Gott handelt aus zuvorkommender Liebe (Röm 5,8; 1 Joh 4,10). Versöhnung ist darum nicht die Besänftigung eines Zornigen, sondern die Heimholung der Entfremdeten durch den, der schon gnädig ist.
Die „Weise“ der Versöhnung lässt der Text nicht offen, sondern definiert sie ausdrücklich: „indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete“. Das ist Nichtzurechnung (mê logizómenos), also gnädiger Erlass — nicht eine Bezahlung, die anderswo eingefordert wäre. Wäre die Sünde an Christus straflich angerechnet und damit beglichen worden, wäre sie gerade nicht „nicht angerechnet“, sondern voll verrechnet.
Christus ist in diesem Geschehen der Ort und das Mittel („in Christus“, „durch Christus“), durch den Gott seine schon bestehende Gnade offenbart und wirksam macht. Er besänftigt nicht den Vater; er kommt vom bereits versöhnlichen Vater zu den Feinden, um sie zurückzuholen. Das „Wort von der Versöhnung“ und der „Dienst der Versöhnung“ (V.18–19) sind die Fortsetzung dieses einen Bewegungssinns: von Gott zu den Menschen.
Gott ist das Subjekt der Versöhnung, nicht ihr Objekt. Christus besänftigt nicht den Vater, sondern offenbart den schon gnädigen Gott und wendet uns ihm zu. Die „Weise“ nennt Paulus selbst: „indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete“ — gnädiger Erlass, nicht Bezahlung.
Exegese: Schlüsselbegriffe und Wortfeld
Fünf Schlüsselbegriffe entscheiden die Auslegung von 2. Korinther 5,18–21 sprachlich-philologisch:
katallássô — „versöhnen“ und seine Richtung
Das Verb katallássô bezeichnet das Beilegen einer Entzweiung, das Wiederherstellen einer Beziehung. Entscheidend ist die Beobachtung der Subjekt-Objekt-Struktur im NT: Gott ist durchgängig das handelnde Subjekt, die Menschen (die Welt, „wir“) sind das Objekt. Nirgends im NT wird Gott versöhnt; stets versöhnt Gott die Menschen mit sich (2 Kor 5,18–20; Röm 5,10; Kol 1,20–22).
Diese grammatische Einbahnstraße ist theologisch folgenreich. Eine Strafsubstitution braucht ein Geschehen, das auf Gott zurückwirkt (er muss besänftigt, befriedigt, in seiner Gerechtigkeit zufriedengestellt werden). Genau diese Bewegungsrichtung fehlt im paulinischen Sprachgebrauch. Die einzige Bewegung ist die von Gott her auf die Welt zu.
Auch der Imperativ in V.20 bestätigt dies: „Lasst euch mit Gott versöhnen“ (katallágête tôi theôi) — ein passivischer Aufruf an die Menschen, die Versöhnung anzunehmen. Niemand wird aufgefordert, Gott zu versöhnen. Die Veränderung, die geschehen muss, geschieht in den Menschen, nicht in Gott.
mê logizómenos — „ihnen ihre Sünden nicht anrechnend“
Das Partizip mê logizómenos (nicht anrechnend) ist die von Paulus selbst gegebene Erklärung der „Weise“ der Versöhnung. Logízomai ist der Buchungsbegriff: anrechnen, in Rechnung stellen. Versöhnung geschieht also dadurch, dass Gott die Schuldposten nicht bucht — ein gnädiger Erlass, kein Ausgleich des Kontos durch eine Drittzahlung.
Hier zeigt sich die innere Spannung der Strafsubstitution: Wäre die Schuld an Christus angerechnet und durch seine Strafe beglichen, so wäre sie nicht „nicht angerechnet“, sondern vollständig verrechnet und bezahlt. Vergebung (Nichtanrechnung) und Bezahlung (Vollanrechnung an einen Stellvertreter) schließen einander logisch aus. Paulus wählt eindeutig die Vergebung.
Derselbe Begriff steht im Zentrum von Röm 4,6–8 (David: „Selig, dem der Herr die Sünde nicht zurechnet“) und greift auf die Bundesverheißung von Jer 31,34 zurück („ich will ihrer Sünde nicht mehr gedenken“). Die Sprachlinie ist die der gnädigen Vergebung im neuen Bund, nicht die des kommerziellen Loskaufs.
katallagê — „Versöhnung“ als Dienst und Wort
Das Substantiv katallagê erscheint als „Dienst der Versöhnung“ (diakonía tês katallagês, V.18) und „Wort der Versöhnung“ (lógos tês katallagês, V.19). Beide Wendungen verorten die Versöhnung im Bereich der Verkündigung: Sie wird gepredigt, ausgerichtet, angeboten. Eine Strafzahlung wird nicht gepredigt — sie wird geleistet. Eine Versöhnungsbotschaft hingegen wird ausgerichtet, damit Menschen sie annehmen.
Dass die Apostel „Botschafter an Christi Statt“ sind (V.20), unterstreicht den Charakter der Sache: Versöhnung ist eine fortgehende Bewegung von Gott zu den Menschen, die sich in der Verkündigung verlängert. Sie ist relational und kommunikativ, nicht transaktional und juridisch.
hypèr hêmôn — „für uns“
Die Präposition hypér („für“, „zugunsten von“) in V.21 („für uns zur Sünde gemacht“) ist — anders als die strafsubstitutive Tradition will — nicht primär substitutiv („anstelle von“), sondern benefiziell („zu unseren Gunsten“). Christus handelt zu unserem Nutzen; das schließt Stellvertretung im weiten Sinn ein, erzwingt aber keine Strafvertretung.
Im selben Brief verwendet Paulus hypér für das gemeindliche Miteinander (2 Kor 1,6: „ob wir bedrängt werden, so geschieht es euch zu Trost“). Der Grundsinn ist durchgängig „zum Nutzen von“. Die Lebenshingabe Christi geschieht für uns, weil sie uns zugutekommt — nicht weil sie eine an uns vorbeigehende Strafe an Gott begleicht.
hamartían epoíêsen — „zur Sünde gemacht“ (V.21)
Die Wendung „den, der keine Sünde kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht“ ist mehrdeutig. Hamartía kann im Septuaginta-Sprachgebrauch das Sündopfer bezeichnen (hebr. chattát heißt zugleich „Sünde“ und „Sündopfer“, vgl. Lev 4–5; Jes 53,10). Dann hieße es: Gott hat Christus zum Sündopfer gemacht — eine kultische, keine strafrechtliche Aussage.
Alternativ meint „zur Sünde gemacht“ das Erleiden der Folgen menschlicher Sünde (Leiden, Tod). In beiden Fällen ergibt sich keine Strafzurechnung im forensischen Sinn. Die genaue Auslegung ist eigens behandelt (vgl. 2. Korinther 5,21); festzuhalten ist: V.21 darf die in V.19 ausdrücklich genannte „Weise“ der Versöhnung (Nichtanrechnung) nicht in ihr Gegenteil verkehren.
Vergleich der Auslegungen
Bezug auf Fausto Sozzini
Sozzini behandelt 2. Korinther 5 als eine seiner zentralen Belegstellen. Er nennt sie „jene höchst berühmte Stelle“ und zeigt an ihr, dass die Richtung der Versöhnung von Gott ausgeht und ihre „Weise“ die Nichtanrechnung ist.
Aus diesen Worten geht offensichtlich hervor, dass es Gott war, der uns durch Christus mit sich versöhnt hat — denn dies wird zweimal ausdrücklich gesagt —; und dass daher die durch Christus bewirkte Versöhnung nicht die Besänftigung Gottes uns gegenüber bedeutet, sondern unsere Hinwendung zu ihm, auf die eine freundschaftliche Gemeinschaft mit ihm folgte; und dass es weit davon entfernt ist, dass Christus bei der Vollziehung dieser Versöhnung Gott für uns besänftigt habe; vielmehr zeigte er ihn als bereits besänftigt und wurde von dem bereits Besänftigten zu uns gesandt.
Fausto Sozzini, „Über Jesus Christus den Retter“, Erster Teil (zu 2. Kor 5: die Weise der Versöhnung)
Sozzini liest den Vers grammatisch genau: Zweimal sagt Paulus, dass Gott versöhnt — nicht, dass Gott versöhnt wird. Daraus folgert er, die Versöhnung könne nicht die Besänftigung Gottes meinen, sondern unsere Hinwendung zu ihm. Christus wird, so Sozzinis prägnantes Bild, „von dem bereits Besänftigten zu uns gesandt“ — die Gnade Gottes ist nicht Folge, sondern Voraussetzung des Heilswerks.
Die „Weise“ der Versöhnung entnimmt Sozzini dem Text selbst und stellt sie pointiert als Frage und Antwort dar: „Aber auf welche Weise? Etwa indem er von Christus selbst Strafe für unsere Verbrechen forderte? Etwa indem er dafür sorgte, dass er in seinem Blut für unsere Sünden Genugtuung leistete? … Keineswegs: Er fügt nämlich hinzu: indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete.“ Die rhetorischen Fragen treffen genau die Strafsubstitution — und der Text beantwortet sie verneinend.
Den Einwand, Gott habe die Sünden eben nicht uns, wohl aber Christus angerechnet, weist Sozzini scharf zurück: Er nennt diese Konstruktion „eine Erdichtung und darüber hinaus sogar gottlos“. Denn sie macht aus der Nichtanrechnung (Vergebung) heimlich doch wieder eine Vollanrechnung (Bezahlung) und hebt damit die Aussage des Verses auf.
An anderer Stelle verbindet Sozzini die Nichtanrechnung mit der Rechtfertigung: „Aus der Vergebung der Sünden ergibt sich die Gerechtigkeit, und in der Nichtzurechnung der Sünden ist unsere Gerechtigkeit enthalten.“ Damit ist klar: Die Gerechtigkeit, die uns zuteil wird, ist die vergebende Annahme durch Gott — nicht die buchhalterische Übertragung einer fremden Strafleistung.
Buchübersicht zu den Schriften Sozzinis
Logische Argumente
Aus 2. Korinther 5,18–21 ergeben sich folgende logischen und sprachlich-philologischen Argumente gegen die Strafsubstitution:
- Argument vom grammatischen Subjekt. Im gesamten NT ist Gott das Subjekt von katallássô und der Mensch das Objekt; nie wird Gott versöhnt. Die Strafsubstitution verlangt aber genau die umgekehrte Bewegung (Gott wird besänftigt). Diese Bewegungsrichtung ist sprachlich nicht belegt.
- Argument von der zweifachen Aussage. Paulus sagt zweimal, dass Gott uns versöhnt hat (V.18 und V.19). Die doppelte Betonung des göttlichen Subjekts schließt aus, dass Gott der zu Versöhnende sei. Sozzini hebt diese Doppelung ausdrücklich hervor.
- Argument von der selbstdefinierten Weise. Der Text lässt die „Weise“ der Versöhnung nicht offen, sondern bestimmt sie: „indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete“. Eine an Christus geleistete Strafzahlung wäre das genaue Gegenteil einer Nichtanrechnung.
- Argument vom Widerspruch Vergebung/Bezahlung. Nichtanrechnung (Vergebung) und Vollanrechnung an einen Stellvertreter (Bezahlung) schließen einander logisch aus. Wird die Schuld an Christus straflich verrechnet, ist sie gerade nicht erlassen. Beides zugleich zu behaupten, ist in sich widersprüchlich.
- Argument vom Imperativ V.20. „Lasst euch mit Gott versöhnen“ richtet sich an die Menschen; sie sollen die Versöhnung annehmen. Die Veränderung, die geschehen muss, geschieht also in den Menschen, nicht in Gott. Die Feindschaft (Röm 5,10) liegt auf unserer, nicht auf Gottes Seite.
- Argument vom Vorrang der Liebe. Die Versöhnung entspringt der Liebe Christi und Gottes (V.14; vgl. Röm 5,8; 1 Joh 4,10). Liebe ist die Ursache des Heilswerks, nicht dessen erkaufte Folge. Ein Gott, der erst bezahlt werden muss, um lieben zu können, widerspricht dieser Ordnung.
- Argument vom Bundeshintergrund. Die Nichtanrechnung greift Jer 31,34 auf („ich will ihrer Sünde nicht mehr gedenken“). Die Vergebung im neuen Bund ist gnädiger Erlass, nicht kommerzieller Ausgleich. Paulus steht in dieser Bundeslinie, nicht in der eines Strafprozesses.
- Argument vom Charakter des Dienstes. „Dienst der Versöhnung“ und „Wort der Versöhnung“ verorten die Sache in der Verkündigung. Eine Strafzahlung wird geleistet, nicht gepredigt; eine Versöhnungsbotschaft wird ausgerichtet, damit sie angenommen wird. Der Begriff selbst ist relational, nicht transaktional.
- Argument vom Mittlerbegriff. Ein „Mittler“ (1 Tim 2,5) ist im biblischen Sprachgebrauch nicht der, der einen Zornigen besänftigt, sondern der Bote, durch den Gott den Menschen seinen Willen erschließt (so Sozzini ausdrücklich). Christus mittelt von Gott her zu uns, nicht von uns her zu Gott.
Biblische Querverweise
Folgende Stellen sind für das richtige Verständnis von 2. Korinther 5,19 essentiell:
Römer 5,10–11 — versöhnt, als wir noch Feinde waren
„Da wir noch Feinde waren, sind wir versöhnt worden mit Gott durch den Tod seines Sohnes.“ Auch hier ist Gott Subjekt und der Mensch Objekt der Versöhnung; die Feindschaft liegt ausdrücklich auf unserer Seite („wir… Feinde“). Paulus sagt nicht, Gott sei unser Feind gewesen, den es zu besänftigen galt.
Kolosser 1,20–22 — alles mit sich versöhnen
„… durch ihn alles mit sich zu versöhnen… auch euch, die ihr einst entfremdet und feind wart.“ Wieder ist Gott der Versöhnende, der Mensch der Versöhnte; die Entfremdung ist menschenseitig. Die kosmische Weite („alles“) sprengt vollends den Rahmen eines forensischen Einzelstrafverfahrens.
Römer 4,6–8 — dem Gott die Sünde nicht zurechnet
„Selig ist der Mann, dem der Herr die Sünde nicht zurechnet.“ Derselbe Begriff (logízomai) wie in 2 Kor 5,19. Nichtzurechnung ist gnädige Vergebung — die Schuld wird nicht gebucht, nicht anderswo eingetrieben. Sozzini verbindet beide Stellen ausdrücklich.
Jeremia 31,31–34 — ich will ihrer Sünde nicht mehr gedenken
Die Verheißung des neuen Bundes endet mit gnädigem Vergessen der Schuld. Diese Bundeslinie steht hinter der „Nichtanrechnung“ in 2 Kor 5,19. Gott vergibt aus eigener Treue; von einer Strafleistung, die zuvor erbracht werden müsste, ist keine Rede.
1. Johannes 4,9–10 — nicht dass wir Gott geliebt hätten
„Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat.“ Die Initiative liegt restlos bei Gott. Die Sendung des Sohnes ist Ausdruck schon bestehender Liebe, nicht deren erkaufte Bedingung (vgl. 1. Johannes 4,10).
Johannes 3,16 — so sehr hat Gott die Welt geliebt
Gottes Liebe zur Welt ist der Ausgangspunkt der Sendung. Der Vers stellt die Liebe an den Anfang der Heilsbewegung — ganz parallel zu 2 Kor 5,19, wo „das alles von Gott“ ausgeht (vgl. Johannes 3,16).
Lukas 15,20–24 — der Vater läuft dem Sohn entgegen
Im Gleichnis vom verlorenen Sohn bestraft der Vater niemanden und verlangt keine Genugtuung; er läuft dem Heimkehrenden entgegen und umarmt ihn. Das ist Jesu eigenes Bild der Versöhnung: Heimkehr des Entfremdeten zum schon liebenden Vater.
1. Timotheus 2,5 — ein Mittler zwischen Gott und Menschen
Der Mittler steht zwischen beiden Seiten als Bote Gottes an die Menschen. Sozzini zeigt, dass „Mittler“ in der Schrift nicht den meint, der den zornigen Gott besänftigt, sondern den, durch den Gott den Menschen seinen Willen erschließt (vgl. 1. Timotheus 2,5).
Einwände und sozinianische Antworten
Einwand 1: „Vers V.21 sagt doch, Christus sei ‚zur Sünde gemacht‘ worden — das ist Strafsubstitution.“
Direkt nach V.19 heißt es: „Den, der keine Sünde kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht.“ Das kann nur bedeuten, dass Gott Christus die Sünde strafweise zurechnete.
„Zur Sünde gemacht“ ist sprachlich mehrdeutig. Im Septuaginta-Sprachgebrauch bezeichnet hamartía häufig das Sündopfer (das hebräische chattát heißt beides), so etwa in Jes 53,10. Dann sagt V.21 kultisch: Gott machte Christus zum Sündopfer — nicht strafrechtlich: er rechnete ihm die Sünde zu.
Vor allem aber darf V.21 nicht gegen V.19 ausgespielt werden. V.19 nennt die „Weise“ der Versöhnung ausdrücklich: Nichtanrechnung. Würde V.21 eine Vollanrechnung an Christus lehren, höbe er V.19 auf. Da derselbe Apostel im selben Atemzug spricht, muss V.21 mit V.19 zusammenstimmen.
Sozzini selbst sieht in „zur Sünde gemacht“ das Erleiden der Folgen der Sünde (Leiden und Tod), nicht eine forensische Zurechnung. Die ausführliche Auslegung dieser Wendung ist eigens dargestellt (vgl. 2. Korinther 5,21).
Schließlich ist hypér („für uns“) primär benefiziell („zu unseren Gunsten“) und nicht zwingend substitutiv. Der Vers behauptet einen Nutzen für uns, nicht einen an unserer Stelle vollzogenen Strafvollzug.
Einwand 2: „‚Versöhnung‘ setzt doch einen Zorn voraus, der besänftigt werden muss.“
Wo versöhnt wird, muss vorher Feindschaft auf beiden Seiten geherrscht haben. Also war auch Gott zornig und musste versöhnt werden — eben durch das Opfer Christi.
Versöhnung setzt eine zerbrochene Beziehung voraus — aber nicht notwendig beidseitige Feindschaft. Der Text und die Parallelen lokalisieren die Feindschaft eindeutig auf der Menschenseite: „als wir noch Feinde waren“ (Röm 5,10), „die ihr einst entfremdet und feind wart“ (Kol 1,21).
Die Grammatik lässt die behauptete Gegenseitigkeit nicht zu. Gott ist stets das versöhnende Subjekt; nie wird Gott versöhnt. Wäre Gottes Zorn das eigentliche Problem, müsste der Text irgendwo Gott zum Objekt der Versöhnung machen — das tut er an keiner Stelle.
Gottes „Zorn“ in der Schrift ist seine heilige Reaktion gegen die Sünde, nicht eine launische Stimmung, die durch Blut gestillt werden müsste. Er äußert sich als Dahingeben in die Folgen der Sünde (Röm 1,24.26.28), und er wird überwunden, indem der Mensch zur Umkehr geführt wird.
Sozzini fasst es präzise: Christus „zeigte ihn als bereits besänftigt und wurde von dem bereits Besänftigten zu uns gesandt“. Die Gnade steht am Anfang, nicht am Ende des Heilswerks.
Einwand 3: „Ohne Genugtuung wäre die Vergebung billig und Gott ungerecht.“
Wenn Gott einfach nicht anrechnet, ohne dass die Strafe vollzogen wird, dann ignoriert er die Sünde und ist nicht mehr gerecht. Erst die Genugtuung wahrt seine Gerechtigkeit.
Die Prämisse, Gerechtigkeit verlange notwendig Strafvollzug, ist unbiblisch. Die Schrift kennt zahllose Vergebungen ohne Stellvertreterstrafe: David (Ps 32; Ps 51), Manasse (2 Chr 33,12–13), die Niniviten (Jona 3,10), der verlorene Sohn (Lk 15). In keinem Fall wird zuvor eine Strafe an einem Dritten vollstreckt.
„Gerechtigkeit“ Gottes (tsedeq/dikaiosyne) ist im biblischen Sinn vorrangig rettende Bundestreue, nicht vergeltende Strafgerechtigkeit (vgl. Römer 3,25–26). Gott erweist seine Gerechtigkeit gerade darin, dass er rettet und vergibt.
Vergebung ist zudem nicht „billig“: Sie führt zur „neuen Schöpfung“ (V.17) und zum Dienst der Versöhnung. Wer versöhnt ist, lebt nicht mehr sich selbst, sondern dem, der für ihn gestorben und auferstanden ist (V.15). Die Vergebung verpflichtet und verwandelt.
Sozzini nennt die Hilfskonstruktion „uns nicht, aber Christus angerechnet“ ausdrücklich „eine Erdichtung und darüber hinaus sogar gottlos“ — weil sie aus der gnädigen Nichtanrechnung heimlich doch eine Bezahlung macht.
Einwand 4: „‚Lasst euch mit Gott versöhnen‘ (V.20) zeigt doch, dass etwas geschehen muss, damit Versöhnung möglich wird.“
Der Imperativ setzt voraus, dass die Versöhnung erst durch ein Werk ermöglicht wurde — nämlich durch Christi stellvertretende Strafe. Sonst bräuchte es den Aufruf nicht.
Der Imperativ richtet sich an die Menschen, nicht an Gott: „Lasst euch versöhnen.“ Genau das ist der springende Punkt — die Veränderung, die noch aussteht, betrifft uns, die wir die angebotene Versöhnung annehmen sollen. Von einer noch ausstehenden Wandlung in Gott ist nicht die Rede.
Was „geschehen“ ist, ist die Sendung Christi und das „Wort von der Versöhnung“ (V.18–19): Gott hat die Versöhnung bereits gestiftet und lässt sie ausrichten. Der Aufruf ist die Einladung, in diese schon eröffnete Gnade einzutreten.
Dass es eines Aufrufs bedarf, zeigt gerade, dass das Hindernis auf der Menschenseite liegt: Unglaube, Entfremdung, Feindschaft. Wäre Gottes Zorn das Hindernis, müsste der Aufruf an Gott ergehen — was absurd wäre.
Die ganze Bewegung verläuft von Gott zu den Menschen: Gott versöhnt, stiftet das Wort, sendet Botschafter, lädt ein. Der Mensch antwortet, indem er sich versöhnen lässt.
Einwand 5: „Christus ist Mittler (1 Tim 2,5); ein Mittler versöhnt zwei zerstrittene Parteien — also musste auch Gott bewegt werden.“
Ein Mittler steht zwischen zwei Streitenden und gleicht beide aus. Christus muss demnach auch Gott umstimmen, nicht nur die Menschen.
Der Schluss vom modernen Wort „Mittler“ auf eine beidseitige Ausgleichshandlung ist sprachlich nicht gedeckt. Sozzini zeigt, dass „Mittler“ in der Schrift „nichts anderes bezeichnet als denjenigen, der als Mittelsperson zwischen zweien steht… nicht insofern es darum geht, den zornigen Gott mit dem Menschen zu versöhnen, sondern insofern Gott ihn als Boten und Ausleger gebraucht“.
Schon der erste biblische Beleg des Begriffs (Gal 3,19, Mose als Mittler des Gesetzes) meint den Vermittler einer göttlichen Botschaft an die Menschen — nicht den, der Gott besänftigt. Die Richtung ist von Gott herab, nicht zu Gott hinauf.
Die Mittlerschaft Christi besteht darin, dass durch ihn Gottes Wille, Gnade und Vergebung den Menschen erschlossen und sie zu Gott hingeführt werden. Er ist Bote und Wegbereiter, nicht Besänftiger.
Damit fügt sich 1 Tim 2,5 nahtlos in 2 Kor 5,19: Gott handelt „in Christus“ und „durch Christus“ an der Welt — der Mittler ist das Werkzeug dieser von Gott ausgehenden Bewegung (vgl. 1. Timotheus 2,5).
Theologische Konsequenzen
Verbundene Verse
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder kontrastieren die hier vorgetragene Auslegung:
- 2. Korinther 5:21 — Präzisierung von V.19: „zur Sünde gemacht“ rhetorisch/kultisch, nicht als Strafzurechnung.
- Römer 3:25-26 — Dikaiosyne theou als rettende Bundestreue; Gerechtigkeit erweist sich im Vergeben.
- Römer 5:8-10 — Versöhnt, als wir noch Feinde waren — die Feindschaft liegt auf der Menschenseite.
- 1. Johannes 4:10 — Gottes zuvorkommende Liebe ist Ursache, nicht Folge der Sendung des Sohnes.
- 1. Timotheus 2:5 — Mittler = Bote Gottes an die Menschen, nicht Besänftiger des Vaters.
- Markus 10:45 — Lösegeld als Befreiungsbild; Erlösung ohne Zahlungsempfänger.
Zusammenfassung
2. Korinther 5,19 ist sprachlich, theologisch und rhetorisch ein Versöhnungstext, dessen Bewegung eindeutig von Gott ausgeht: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich.“ Gott ist das Subjekt, die Welt das Objekt; nie wird Gott versöhnt. Die „Weise“ der Versöhnung nennt Paulus selbst — „indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete“ —, also gnädiger Erlass, nicht eine an Gott geleistete Strafsumme.
Die strafsubstitutive Lesart muss die Richtung des Verses umkehren und steht zudem im Widerspruch zur selbstdefinierten Nichtanrechnung: Vergebung und Vollverrechnung an einem Stellvertreter schließen einander aus. Auch V.21 („zur Sünde gemacht“) hebt diese Aussage nicht auf, sondern ist im Sinne von Sündopfer bzw. Erleiden der Sündenfolgen zu verstehen.
Sozinianisch verstanden ist 2. Korinther 5,19 ein Schlüsseltext der Versöhnungssoteriologie: Der von sich aus gnädige Gott wendet die entfremdete Welt durch Christus sich selbst zu und lässt diese Botschaft weiter ausrichten. Christus zeigt, mit Sozzinis Worten, den „bereits Besänftigten“ und wird von ihm zu uns gesandt — nicht um den Vater zu bezahlen, sondern um uns heimzuholen.
