Kirche

Werkstatt von Tommaso Dolabella, „Gericht über die Arianer 1638“ — historisches Gemälde der Verurteilung der Polnischen Brüder durch den Sejm, mit Stadt- und Kirchenkulisse
Werkstatt von Tommaso Dolabella, Gericht über die Arianer 1638 (um 1640) — Verurteilung der Polnischen Brüder, Sozzinis geistliche Erben. Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei (PD-Art).
TL;DR

Die zentrale Streitfrage der Reformationszeit lautet nicht „welche Kirche?“, sondern wer beglaubigt die Wahrheit — die Institution oder die Schrift? Fausto Sozzini zerlegt in seiner Schrift De Ecclesia das klassische Argument der römischen Kirche („Die Kirche kann nicht irren — bei uns ist die Kirche, also ist unsere Lehre wahr“) Schritt für Schritt. Der Obersatz gilt nur eingeschränkt: Die Kirche irrt nicht in dem, was zum Heil notwendig ist — sehr wohl aber in vielen Lehren und Riten. Der Untersatz kann ohne unabhängige Prüfung an der Schrift gar nicht begründet werden. Daraus folgt: Nicht die Institution beglaubigt die Lehre, sondern die Lehre beglaubigt die Institution. Die wahre Kirche erkennt man an der Übereinstimmung ihrer Lehre mit der Schrift, nicht an Kennzeichen oder Sukzessionsketten.

Die Kernfrage

Wer in einer Auseinandersetzung über das, was wahres Christentum ausmacht, das letzte Wort behält, hat die Macht über die Gewissen. Genau deshalb ist die Lehre von der Kirche keine Nebenfrage, sondern die methodische Schlüsselfrage der ganzen Theologie. Wenn die Kirche selbst entscheidet, was Schrift heißt, was sie bedeutet und welche Schlussfolgerungen aus ihr verbindlich sind, dann ist nicht mehr die Schrift, sondern das kirchliche Lehramt die letzte Instanz. Wenn umgekehrt die Schrift die Kirche prüft, dann muss jede Versammlung — auch die ehrwürdigste — sich an dem messen lassen, was geschrieben steht.

Sozzini greift in De Ecclesia nicht die Existenz oder Würde der Kirche an. Er greift einen logischen Schluss an: dass aus der bloßen Tatsache, eine Kirche zu sein, schon folge, im Recht zu sein. Dieser Schluss, so sein Befund, ist entweder eine unzulässige Verallgemeinerung oder ein verdeckter Zirkelschluss. Der Aufsatz, den wir hier zusammenfassen, folgt seinem Gedankengang in sieben Schritten.

Anlass und Argumentationsfigur

Den Ausgangspunkt bildet ein konkretes Argument römisch-katholischer Polemik gegen die Reformatoren: Ihre Dogmen und Riten seien deshalb verbindlich, weil sie die Lehre der Kirche sind, und die Kirche könne nicht irren. Formal handelt es sich um einen Syllogismus:

  1. Obersatz: Die wahre Kirche kann (in der Lehre) nicht irren.
  2. Untersatz: Bei uns (Rom) ist die wahre Kirche.
  3. Schluss: Also kann unsere Lehre nicht irren.

Sozzini greift beide Prämissen an. Beide sind, wie er zeigt, weder selbstverständlich noch ohne Schrift begründbar. Damit fällt der Schluss in sich zusammen — und mit ihm der Anspruch, die Wahrheit einer Lehre allein durch ihre kirchliche Herkunft beweisen zu können.

Sichtbare und unsichtbare Kirche

Vor der eigentlichen Argumentation klärt Sozzini den Begriff. Unter „Kirche“ verstehen die Gegner die sichtbare Versammlung der Getauften, die sich als christlich bekennen. In diesem Sinn ist die Kirche eine empirisch beobachtbare Größe — mit Ämtern, Gebäuden, Konzilien, Riten. Davon zu unterscheiden ist die unsichtbare Kirche: die Gemeinschaft derer, die wirklich glauben und vor Gott rein sind. Sie kennt nur Gott; sie ist im Sinne von Matthäus 13,24-30 auf Erden bis zum Ende mit Heuchlern vermischt.

Diese Unterscheidung ist nicht nur scholastisch. Sie hat unmittelbare Folgen: Wenn man von der Sichtbarkeit der Kirche ihre Unfehlbarkeit ableiten will, beweist man zu viel — denn dann müssten auch die Heuchler innerhalb der sichtbaren Versammlung unfehlbar werden. Sozzini argumentiert deshalb mit der sichtbaren Kirche, gemessen aber an dem Maßstab, den die unsichtbare Kirche immer schon hat: dem Wort Christi.

Der Obersatz: Wie weit reicht die Unfehlbarkeit?

Der Satz „die Kirche kann nicht irren“ ist, so Sozzini, nicht simpliciter — absolut — wahr, sondern nur secundum quid: in einer bestimmten Hinsicht. Die Schrift verspricht der Kirche keine umfassende Irrtumsfreiheit. Sie verspricht aber, dass an der Kirche, wo immer sie ist, die zum ewigen Heil notwendige Lehre Christi nicht verlorengeht. In allen anderen Festsetzungen — kirchenrechtlich, liturgisch, philosophisch, historisch — ist auch die Kirche fehlbar.

„Diesem Argument muss entgegengetreten werden, sowohl durch Bestreitung des Obersatzes als auch und vor allem des Untersatzes. Der Obersatz nämlich, so wie er lautet — die Kirche kann nicht irren —, ist nicht uneingeschränkt wahr, da nichts verhindert, dass die Kirche in gewissen Dingen irrt.“

Faustus Sozzini, De Ecclesia

Die Schrift selbst stützt diese Differenzierung. Paulus ermahnt die Gemeinde in Galatien, weil sie als Kirche bereits ein anderes Evangelium annahm (Galater 1,6-9). Christus tadelt fünf der sieben Gemeinden Asiens (Offenbarung 2-3) und droht, ihnen den Leuchter wegzunehmen. Petrus selbst musste in Antiochia von einem Gemeindeglied öffentlich zurechtgewiesen werden (Galater 2,11-14). Eine Kirche, die in der Schrift selbst ihre Irrtumsfähigkeit eingestanden bekommt, kann nicht im Nachhinein unfehlbar werden.

Die Konsequenz ist tiefgreifend: Ein Großteil dessen, was als verbindliches Dogma oder als göttlich eingesetzter Brauch geboten wird, fällt nicht unter den Schutz der Verheißung. Es gehört nicht zu dem, „was zum ewigen Heil notwendig ist“, und kann darum geprüft, kritisiert und gegebenenfalls verworfen werden — auch dann, wenn die ganze sichtbare Kirche es seit Jahrhunderten lehrt.

Der Untersatz: Welche ist die wahre Kirche?

Selbst wenn der Obersatz im strengen Sinn zugestanden wird, bleibt die Frage: Wer ist die Kirche, von der hier die Rede ist? Sozzini lehnt jede Antwort ab, die sich auf äußere Kennzeichen stützt: nicht die Größe, nicht das Alter, nicht die Sukzessionskette, nicht der Glanz oder die Einheit der Versammlung machen eine Kirche zur wahren Kirche, sondern allein der Besitz und das Bekenntnis der heilbringenden Lehre Christi.

„Die Kirche aus gewissen Kennzeichen erkennen zu wollen, nicht aber daraus, ob sie die heilbringende Lehre Christi hat und bekennt, ist ebenso, als wollte jemand einen Menschen erkennen, nicht daraus, ob er ein vernunftbegabtes und mit Verstand ausgestattetes Lebewesen ist, sondern aus äußeren Merkmalen.“

Faustus Sozzini, De Ecclesia

Die Schrift gibt keine andere Antwort. Christus erkennt seine Schafe daran, dass sie seine Stimme hören und ihm folgen (Johannes 10,27); die Beröer werden gerade dafür gelobt, dass sie nicht der Autorität des Apostels Paulus folgten, sondern täglich „die Schrift forschten, ob es sich also verhielte“ (Apostelgeschichte 17,11). Der Maßstab ist nicht die Stimme der Lehrer, sondern die Stimme Christi in der Schrift.

Die logische Pointe ist scharf: Wenn auch nur ein einziges Dogma oder ein einziger Ritus bei einer Kirche dauerhaft der Heiligen Schrift widerspricht, kann diese Kirche in dem strengen Sinn, in dem die Gegner es behaupten, nicht die Kirche Christi sein. Die Beweislast verschiebt sich damit von der Reformbewegung auf die Institution: Sie muss zeigen, dass keine ihrer Lehren der Schrift widerspricht.

Der Zirkelschluss kirchlicher Schriftauslegung

An dieser Stelle zieht Sozzini seinen schärfsten methodischen Schluss. Wer behauptet, die Schrift sei nur durch das Urteil der Kirche zuverlässig auszulegen, gerät in einen Zirkel: Die Kirche soll erkannt werden an ihrer Übereinstimmung mit der Schrift; die Schrift soll erkannt werden an dem Urteil der Kirche. Beide Erkenntnisse stützen sich gegenseitig — und damit weder die Schrift noch die Kirche sich selbst.

„Andernfalls müsste die Kirche erkannt sein, bevor dasjenige erkannt wäre, woraus sie selbst erkannt werden muss. Die Schrift muss vorausgesetzt sein, damit die Kirche überhaupt als Kirche bestimmt werden kann.“

Faustus Sozzini, De Ecclesia

Die methodische Folgerung lautet: Die Schrift muss aus sich selbst heraus verstanden werden — aus klaren Stellen, an denen kein vernünftiger Leser zweifeln kann; aus dem Zusammenhang; aus der Übereinstimmung mit dem, was Christus und die Apostel selbst als das Wesentliche bezeichnet haben. Dieses Prinzip — die perspicuitas der Schrift in Heilsdingen — ist nicht reformatorische Erfindung, sondern leitet sich aus biblischen Selbstaussagen ab: Das Wort ist eine „Leuchte für meinen Fuß“ (Psalm 119,105), eine „Lampe an einem dunklen Ort“ (2. Petrus 1,19), „von Gott eingegeben“ und „nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit“ (2. Timotheus 3,16-17).

Die Kennzeichen reichen nicht: Lehre als einziges Kriterium

Was bleibt, wenn alle äußeren notae ecclesiae — Sukzession, Wundertaten, Heiligenverehrung, Größe, Einheit, Antike — als Kriterien ausfallen? Sozzini lässt genau ein Kriterium übrig: den Besitz der heilbringenden Lehre Christi. Wo diese Lehre rein verkündet wird, dort ist Kirche; wo sie systematisch verfälscht wird, ist sie nicht — gleichgültig, wie alt, groß oder ehrwürdig die Versammlung ist, die sich „Kirche“ nennt.

„Wenn auch nur ein einziges Dogma oder ein einziger Ritus bei ihnen gefunden wird, der der Heiligen Schrift widerspricht, so ist das schon ein zureichender Beweis, dass sie nicht die wahre Kirche Christi sind.“

Faustus Sozzini, De Ecclesia

Auch hier antwortet die Schrift selbst. Paulus warnt die Ältesten von Ephesus, dass „aus eurer eigenen Mitte Männer aufstehen werden, die verkehrte Dinge reden“ (Apostelgeschichte 20,29-30). Johannes ruft seine Leser ausdrücklich auf, „die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind“ (1. Johannes 4,1). Paulus verlangt, dass auch in der Versammlung der Propheten „die anderen es beurteilen“ (1. Korinther 14,29). In der Schrift selbst ist die Gemeinde nicht Richter über die Lehre, sondern erste Adressatin der Prüfung — und Maßstab dieser Prüfung ist immer das geschriebene Wort.

Predigtamt und Sakramente ohne apostolische Sukzession

Im zweiten Hauptteil von De Ecclesia verteidigt Sozzini die Rechtmäßigkeit des nicht-römischen Predigtamts. Sein Argument ist nüchtern: Wer die heilbringende Lehre kennt, ist berufen, sie anderen zu verkündigen. Das Recht und die Pflicht zur Verkündigung ergibt sich nicht aus einer Handauflegungskette zurück bis zu den Aposteln, sondern aus dem allgemeinen Auftrag des erhöhten Christus (Matthäus 28,18-20) und aus der Begabung des Geistes (Epheser 4,11-13).

Auch die Verwaltung der Sakramente — Taufe und Abendmahl — bedarf nach Sozzini keiner gesonderten göttlichen Bestallung über die Berufung des Lehrers hinaus. Wer im Auftrag der Gemeinde lehrt, darf auch sichtbar zeichnen, was er lehrt. Die Frage „durch welchen Bischof bist du geweiht?“ ist im Licht des Neuen Testaments keine notwendige Frage: Weder Apollos noch Aquila waren von einem Apostel formal eingesetzt, und dennoch werden sie als rechtmäßige Lehrer der Kirche dargestellt (Apg 18,24-26).

Logische Argumente

  1. Argument der zwei Prämissen: Der römische Schluss enthält zwei Behauptungen — Unfehlbarkeit der Kirche und Identität dieser Kirche mit Rom. Beide sind unabhängig zu prüfen; beide müssen einzeln gelingen. Fällt eine, fällt der Schluss.
  2. Argument der eingeschränkten Verheißung: Die biblischen Verheißungen an die Kirche („auf diesen Felsen“, „bis ans Ende der Welt“, „Säule und Grundfeste“) betreffen Erhalt der heilsnotwendigen Wahrheit, nicht jede beliebige Festsetzung. Sie gelten der Sache, nicht der Institution.
  3. Argument der historischen Selbstdiagnose: Die Apostel selbst haben die spätere Kirche vor Irrtum gewarnt (Paulus in Apg 20; Petrus in 2. Petrus 2; Johannes in 1. Joh 2). Eine Kirche, die ihre eigene Irrtumsfähigkeit in Heiligem Text vorausgesetzt findet, kann sich nicht auf Unfehlbarkeit berufen.
  4. Argument der Definition: „Kirche“ heißt im Neuen Testament die Versammlung derer, die durch das Wort Christi gesammelt sind. Die Lehre ist nicht akzidentell, sondern wesentlich. Eine Versammlung ohne diese Lehre ist nicht einfach eine schwache Kirche, sondern eine andere Größe.
  5. Argument der Beweislastverteilung: Wer einen positiven Erkenntnisanspruch erhebt („wir sind die wahre Kirche“), muss ihn begründen. Es ist nicht die Aufgabe der Reformbewegung, die Echtheit der Institution zu widerlegen, sondern die der Institution, sie zu erweisen — und zwar mit einem Maßstab, der nicht sie selbst ist.
  6. Argument des Zirkels: Wer die Schrift nur durch die Kirche, die Kirche aber nur durch ihre eigene Lehre erkennt, dreht sich im Kreis. Aus einem Zirkel kann kein neuer Erkenntnisinhalt gewonnen werden — nur Selbstbestätigung.
  7. Argument der Beröer: Die Schrift selbst (Apg 17,11) erlaubt und verlangt von der Gemeinde, das, was ihre Lehrer sagen, an der Schrift zu prüfen. Eine Lehre, die diese Prüfung verbietet oder dem Urteil der Hierarchie unterwirft, widerspricht ihrer eigenen biblischen Grundlage.
  8. Argument der Heilsnotwendigkeit: Was zum Heil notwendig ist, muss auch dem einfachen Leser zugänglich sein — sonst wäre Gott in seinem Heilshandeln vom Klerus abhängig. Die zentralen Aussagen der Schrift sind klar; die Suche nach der „wahren Kirche“ als institutioneller Größe ist daher nicht heilsnotwendig.

Biblische Querverweise

  • 2. Timotheus 3,16-17 — Die Schrift ist „von Gott eingegeben“ und macht den Menschen Gottes „vollkommen, zu jedem guten Werk geschickt“. Wenn die Schrift selbst diesen Anspruch erhebt, braucht sie keine kirchliche Vollendungsinstanz neben sich.
  • Apostelgeschichte 17,11 — Die Beröer prüfen die Predigt eines Apostels an der Schrift. Das Modell der frühen Kirche ist nicht hierarchische Beglaubigung, sondern textliche Prüfung.
  • Galater 1,8-9 — Selbst ein Engel oder der Apostel Paulus ist verflucht, wenn er ein anderes Evangelium predigt. Die Lehre steht über dem Lehrenden; die Quelle steht über der Tradition.
  • Apostelgeschichte 20,29-30 — Paulus prophezeit den Ältesten, dass „aus euch selbst“ Männer aufstehen werden, die Verkehrtes reden. Die Verfälschung droht von innerhalb der legitim eingesetzten Hierarchie.
  • Offenbarung 2-3 — Der erhöhte Christus tadelt fünf von sieben Gemeinden Asiens und droht ihnen den Verlust des Leuchters. Eine Kirche, die in der Schrift selbst ermahnt und bedroht wird, kann nicht gleichzeitig unfehlbar sein.
  • 1. Johannes 4,1 — „Prüft die Geister, ob sie aus Gott sind.“ Die Verantwortung der Prüfung liegt bei der Gemeinde, nicht bei einer übergeordneten Instanz, die selbst Gegenstand der Prüfung ist.
  • 1. Timotheus 3,15 — Die Kirche ist „Säule und Grundfeste der Wahrheit“. Sozzini liest dies funktional: die Kirche trägt die Wahrheit (sie hält sie hoch), sie erzeugt sie nicht.
  • Epheser 2,19-22 — Die Kirche ist „auferbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten“, mit Christus als Eckstein. Das Fundament ist das apostolisch-prophetische Wort, nicht eine spätere Hierarchie.

Einwände und Antworten

„Aber die Verheißung Matthäus 16,18 sichert doch die Kirche absolut“

Der Vers verspricht, dass „die Pforten der Hölle“ die Kirche nicht überwältigen werden. Sozzini bestreitet das in keiner Weise. Er bestreitet die Folgerung, dass damit jede einzelne Lehrentscheidung jeder einzelnen Teilkirche durch alle Zeiten irrtumsfrei sei. Die Verheißung gilt der einen, weltweiten Gemeinde Christi — sie sichert ihren Fortbestand und den Erhalt der heilsnotwendigen Wahrheit, nicht aber die Unfehlbarkeit kirchlicher Konzilsbeschlüsse zu jedem beliebigen Thema. Das zeigt sich gerade daran, dass derselbe Christus, der diese Verheißung gibt, in den Sendschreiben (Offb 2-3) konkrete Gemeinden der Kirche schwer tadelt und ihnen den Leuchter zu nehmen droht. Die Verheißung an die Gesamt-Kirche verträgt sich also mit dem realen Versagen einzelner Teilkirchen.

„Ohne ein lehrendes Amt fällt die Schrift in die Beliebigkeit“

Dieser Einwand setzt voraus, was er beweisen müsste — dass nämlich nur ein institutionalisiertes, mit besonderer Vollmacht ausgestattetes Amt den Schriftsinn sichert. Empirisch ist das Gegenteil der Fall: Die größten dogmatischen Verirrungen der Geschichte (Investiturstreit, Ablasshandel, päpstliche Konkurrenzen, spätscholastische Spekulationen) entstanden nicht trotz, sondern oft wegen des lehrenden Amts. Sozzinis Antwort ist nicht „jeder mache, was er will“, sondern: Die Schrift wird durch die Schrift selbst, durch klare durch dunkle Stellen, durch das Bekenntnis der Urgemeinde und durch die communio sanctorum der Hörer und Lehrer aller Zeiten erschlossen. Das Lehramt ist dienend, nicht herrschend; ministeriell, nicht magisterial im konstitutiven Sinn.

„Wer entscheidet bei strittigen Stellen, wenn nicht das Lehramt?“

Sozzini bestreitet nicht, dass es Stellen gibt, an denen kompetente Christen unterschiedlicher Meinung sein können. Er bestreitet, dass aus diesem unstrittigen Befund ein verbindliches, alternativloses Lehramt folge. Die Heilssumme der Schrift ist klar; das ist die perspicuitas. Die Streitstellen betreffen gerade nicht das, was zum Heil notwendig ist. Wo sie es scheinen zu tun, hat die Schrift in der Regel selbst Auslegungsanker mitgeliefert (etwa die christologischen Selbstaussagen Jesu in Joh 17 für die Trinitätsfrage). Die Gemeinde, die im Geist liest, kommt mit Geduld zu hinreichender Klarheit; das verlangt mehr Demut als ein autoritatives Diktat, aber es ist methodisch ehrlicher.

„Sozzinis Position macht jeden Einzelnen zum Papst“

Dies ist ein Topos, der bis heute gegen das reformatorische Schriftprinzip ins Feld geführt wird. Er trifft Sozzinis Position aber nicht. Sozzini setzt nicht das individuelle Gewissen über die Schrift, sondern die Schrift über jedes individuelle und jedes amtliche Gewissen. Er kennt sehr wohl Lehrer, Hirten, Gemeindeordnung und die Pflicht, sich von der gesamten Christenheit prüfen zu lassen. Was er ablehnt, ist die Identifikation einer einzelnen empirischen Hierarchie mit der unfehlbaren Gegenwart Christi. Die Souveränität liegt bei Christus und seinem Wort — und gerade das schützt vor jeder Form von „Selbst-zum-Papst-Werden“: weder das Individuum noch der Bischof darf sich an die Stelle der Schrift setzen.

„Aber wer hat denn die Bibel überhaupt zusammengestellt — die Kirche!“

Das historische Argument lautet: Ohne das kirchliche Urteil über den Kanon hätten wir keine Bibel; also steht die Kirche logisch vor der Schrift. Sozzini räumt das historische Faktum ein, bestreitet aber die theologische Folgerung. Die Kirche hat den Kanon nicht geschaffen, sondern erkannt: Sie hat festgestellt, welche Schriften apostolisch sind und welche nicht. Das ist ein Akt der Wahrnehmung einer vorgegebenen Größe, nicht ein Akt der konstitutiven Setzung. Die Kanonbildung ist also gerade kein Beweis kirchlicher Hoheit über die Schrift, sondern ein klassischer Fall ihrer Unterordnung: Die Kirche fragt, was Wort Gottes ist, und richtet sich dann danach.

Konsequenzen für heute

Die Fragen, die Sozzini in De Ecclesia stellt, haben nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Wo verläuft die Grenze zwischen dem, was zum Heil notwendig ist, und dem, was historisch gewachsene Tradition ist? Wer prüft, was unter beidem fällt? Wie verhindert man, dass Tradition die Stelle der Schrift einnimmt, ohne in private Beliebigkeit zu fallen?

Sozzinis Antwort ist klar und in ihrer Schlichtheit radikal: Die Kirche ist nicht der Maßstab der Wahrheit, sondern Wahrheit ist der Maßstab der Kirche. Daraus folgt eine doppelte Bewegung — eine entwaffnende und eine erbauende. Entwaffnend, weil keine Institution sich dem Urteil der Schrift entziehen darf, und sei sie noch so alt. Erbauend, weil jeder Christ, der die heilbringende Lehre Christi kennt, bereits Glied der Kirche ist — auch wenn er institutionell heimatlos sein sollte.

Kernaussage

Die Kirche ist nicht der Maßstab der Wahrheit, sondern die Wahrheit ist der Maßstab der Kirche. Wer die heilbringende Lehre Christi besitzt, ist Glied der Kirche — die Suche nach der „wahren Kirche“ als institutioneller Größe ist nicht heilsnotwendig.

Bezug auf Fausto Sozzinis De Ecclesia

Die Schrift De Ecclesia ist ein vergleichsweise schmaler, aber methodisch dichter Traktat. Sie steht in der Tradition der reformatorischen Kirchenkritik, geht aber durch ihre rein logische Argumentationsweise einen Schritt darüber hinaus: Sie räumt nicht ein, dass die Frage „welche Kirche ist die wahre“ überhaupt sinnvoll als Erkenntnisweg zum Heil gestellt werden könne. Die deutsche Übersetzung des Texts ist auf dieser Seite verlinkt; die hier zitierten Passagen stammen aus ihr. Gemeinsam mit dem Rakower Katechismus bildet De Ecclesia einen der Eckpfeiler der sozinianischen Ekklesiologie.

Zusammenfassung

Fünf Sätze

Sozzinis ekklesiologisches Programm lässt sich in fünf Sätzen zusammenfassen: (1) Die Kirche kann irren, außer in dem, was zum Heil notwendig ist. (2) Die wahre Kirche erkennt man nicht an äußeren Kennzeichen, sondern an der Lehre. (3) Die Schrift legt sich aus sich selbst aus; das kirchliche Lehramt ist dienend, nicht konstitutiv. (4) Predigtamt und Sakramente bedürfen keiner apostolischen Sukzession, sondern der Übereinstimmung mit der heilbringenden Lehre. (5) Die Suche nach der „wahren Kirche“ als institutioneller Größe ist nicht heilsnotwendig — die Lehre Christi macht zum Glied der Kirche, gleich, in welcher Versammlung man sich findet.