Titus 2,13 — „Die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes“: eine Person oder zwei?
Der Vers gilt als einer der wenigen Orte, an denen das Neue Testament Jesus geradeheraus „großer Gott“ nennen soll. Die ganze Beweislast hängt an einer Genitivkette und an einem einzigen fehlenden Artikel — also an einer Konstruktion, die das Griechische nach beiden Seiten hin zulässt. Sozinianisch gelesen erwarten die Christen „die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes“ und die Erscheinung „unseres Heilandes Jesus Christus“: Der Sohn kommt, und in seinem Kommen erscheint die Herrlichkeit des Vaters. Der Rakower Katechismus hat genau das gegen die Artikelregel eingewandt — und darauf hingewiesen, dass Paulus nicht von der Ankunft des großen Gottes spricht, sondern von der Erscheinung seiner Herrlichkeit.
„… und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.“
Titus 2,13-14
Kontext: eine Ermahnung, kein Lehrsatz
Der Satz steht am Ende eines Abschnitts, der von Anfang bis Ende praktisch ist. Paulus hat Titus aufgetragen, den alten Männern, den alten Frauen, den jungen Frauen, den jungen Männern und den Sklaven zu sagen, wie sie leben sollen. Dann folgt die Begründung: „Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen“ (2,11), und sie erzieht dazu, die Gottlosigkeit zu verleugnen und besonnen, gerecht und fromm zu leben in dieser Welt — „und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit…“ (2,13). Der Vers ist der Horizont einer Mahnrede, nicht die Formel eines Bekenntnisses.
Das ist nicht bloß eine literarische Beobachtung. Wer diese Zeile zum Beleg dafür macht, dass Jesus „der große Gott“ genannt werde, lädt einer Nebenbemerkung in einer Sittenmahnung die Last einer Wesensaussage auf. Paulus hätte, wenn er hier eine Neuerung in der Gotteslehre eingeführt hätte, den ungewöhnlichsten Ort dafür gewählt, den seine Briefe kennen — und die Neuerung ohne jeden Kommentar, ohne jede Absicherung, ohne jeden Hinweis auf ihre Tragweite stehen gelassen.
Zum Kontext gehört auch der Brief als Ganzes. Der Titusbrief gebraucht das Wort „Heiland“ (griechisch sōtér) sechsmal, und zwar abwechselnd für zwei verschiedene: dreimal für Gott den Vater (1,3; 2,10; 3,4) und dreimal für Jesus Christus (1,4; 2,13; 3,6). Am deutlichsten in 1,3-4, wo beide unmittelbar nebeneinander stehen und ausdrücklich unterschieden werden: „nach dem Befehl Gottes, unseres Heilandes … Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserem Heiland.“ Wer aus dem Titel „Heiland“ in 2,13 schließt, dass nur eine Person gemeint sein könne, hat den Sprachgebrauch des Briefes gegen sich.
Ebenso zu beachten ist, was unmittelbar vorausgeht und unmittelbar folgt. Vorher, in Vers 11, ist von der „Gnade Gottes“ die Rede, die erschienen sei — hier ist „Gott“ unbestritten der Vater. Nachher, in Vers 14, folgt ein Relativsatz: „der sich selbst für uns gegeben hat“ — hier ist unbestritten Christus gemeint. Zwischen einem Satz, in dem „Gott“ den Vater bezeichnet, und einem Satz, in dem das Rückbezügliche auf Christus geht, steht die strittige Wendung. Sie steht also gerade nicht in einer Umgebung, die nur von einer Person handelt.
Schließlich der historische Ort der Debatte. Die Berufung auf den einen vorangestellten Artikel ist als exegetisches Muster alt; sie wurde erst 1798 von Granville Sharp zu einer förmlichen Regel ausgebaut — ausdrücklich mit der Absicht, den Antitrinitariern ihre Stellen zu nehmen. Der Rakower Katechismus antwortet also auf ein Argument, das er lange vor seiner Kodifizierung kannte, und er antwortet ihm nicht mit einem Machtwort, sondern mit Gegenbeispielen aus dem Neuen Testament selbst.
Sozinianische Kernthese: zwei Erscheinende, eine Herrlichkeit
Die sozinianische Auslegung bestreitet nicht, dass der griechische Text so gelesen werden kann, wie die Trinitarier ihn lesen. Sie bestreitet, dass er so gelesen werden muss. Das ist der ganze Punkt. Ein Satz, dessen Bau zwei Bezüge zulässt, kann keine Aussage tragen, die anderswo in der Schrift nirgends unzweideutig ausgesprochen wird. Wo alle klaren Stellen den Vater den einen Gott nennen und Jesus von ihm unterscheiden (Joh. 17,3; 1. Kor. 8,6; Eph. 4,6; 1. Tim. 2,5), da entscheidet nicht die dunkle Stelle über die hellen, sondern die hellen über die dunkle.
Positiv gelesen sagt der Vers: Wir warten auf die selige Hoffnung, und wir warten auf die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und (auf die Erscheinung) unseres Heilandes Jesus Christus. Zwei Genitive hängen an demselben Wort. Das eine ist die Herrlichkeit, die Gott dem Vater eigen ist; das andere ist der, in dessen Kommen sie sichtbar wird. Damit ist genau das ausgedrückt, was Jesus selbst angekündigt hat: dass der Menschensohn kommen werde „in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln“ (Matth. 16,27; Mark. 8,38).
Der Rakower Katechismus setzt an eben dieser Stelle den Hebel an, und er tut es mit einer philologischen Feinheit, die in der späteren Debatte oft übersehen wurde. Paulus schreibt nicht „wir erwarten die Ankunft des großen Gottes“, sondern „wir erwarten die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes“. Das regierende Substantiv ist nicht „Erscheinung“ allein, sondern „Erscheinung der Herrlichkeit“. Dass die Herrlichkeit Gottes des Vaters erscheint, wenn der Sohn zum Gericht kommt, ist keine sozinianische Verlegenheitsauskunft, sondern die durchgehende Redeweise des Neuen Testaments.
Der zweite Hebel ist die Artikelregel selbst. Sie behauptet, dass zwei durch kaí verbundene Substantive mit nur einem vorangestellten Artikel dieselbe Person bezeichnen müssen. Der Rakower Katechismus hält dagegen, dass diese Regel „auch bei den Griechen keine ausnahmslose ist“, und führt Belege an, in denen unter einem einzigen Artikel offenkundig Verschiedenes zusammengefasst wird: Käufer und Verkäufer (Matth. 21,12), Pharisäer und Sadduzäer (Matth. 16,1), Apostel und Propheten (Eph. 2,20; 3,5), Kälber und Böcke (Hebr. 9,19). Und er nennt drei Stellen, an denen genau die hier strittige Konstruktion vorliegt und niemand auf den Gedanken käme, sie auf eine Person zu beziehen: Eph. 5,5; 2. Thess. 1,12; 1. Tim. 5,21.
Der dritte Hebel ist das Wort „großer Gott“ selbst. Es ist im Alten Testament ein feststehender Ehrentitel des HERRN — „der große, mächtige und schreckliche Gott“ (5. Mose 10,17; vgl. Neh. 9,32; Dan. 9,4) — und es wird im ganzen Neuen Testament sonst niemals auf den Messias angewandt. Wenn Paulus diesen Titel hätte auf Jesus übertragen wollen, wäre das der einzige Fall im gesamten apostolischen Schrifttum, und er hätte ihn in einem Nebensatz einer Haustafel-Ermahnung untergebracht.
Was erscheint, ist die Herrlichkeit des Vaters; wer erscheint, ist der Sohn. Ein fehlender Artikel macht aus zweien keinen einzigen — und eine Lehre, die auf einer Genitivkette ruht, ruht auf keinem Fundament.
Exegese: Schlüsselbegriffe und Wortfeld
Vier Ausdrücke tragen die gesamte Auslegungslast: die Wendung „Erscheinung der Herrlichkeit“, der Titel „großer Gott“, das Wort „Heiland“ und die Artikelfrage. Wer sie einzeln prüft, bemerkt, wie wenig von der behaupteten Eindeutigkeit übrig bleibt.
„Erscheinung der Herrlichkeit“ — epipháneia tês dóxês
Paulus gebraucht epipháneia in den Pastoralbriefen fünfmal, und stets meint es ein sichtbares Hervortreten (1. Tim. 6,14; 2. Tim. 1,10; 4,1.8; Tit. 2,13). An unserer Stelle steht das Wort aber nicht für sich, sondern mit einem zweiten Genitiv verbunden: nicht „die Erscheinung des großen Gottes“, sondern „die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes“. Das ist eine sprachlich bedeutsame Verschiebung: Was erwartet wird, ist nicht Gott selbst als der Kommende, sondern seine Herrlichkeit als das, was sichtbar wird.
Die Konstruktion erlaubt damit ohne jeden Zwang die Lesart, dass „des großen Gottes“ von „Herrlichkeit“ abhängt und „unseres Heilandes Jesus Christus“ als zweiter, gleichgeordneter Genitiv an dieselbe Kette tritt: die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und (die Erscheinung) unseres Heilandes. Griechische Genitivketten dieser Art sind bei Paulus häufig; die Vulgata gibt die Stelle mit derselben Mehrdeutigkeit wieder (adventum gloriae magni Dei et salvatoris nostri Iesu Christi), und die alten lateinischen Ausleger waren sich über ihren Bezug keineswegs einig.
Entscheidend ist die inhaltliche Gegenprobe. Dass die Herrlichkeit des Vaters bei der Wiederkunft des Sohnes erscheint, ist ein Gemeinplatz der Evangelien: „Wenn der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm“ (Matth. 25,31), „in der Herrlichkeit seines Vaters“ (Mark. 8,38). Der Ausdruck des Titusbriefes fügt sich damit bruchlos in die älteste christliche Erwartung ein, ohne dass irgendeine Wesensaussage nötig wäre.
„Der große Gott“ — ho mégas theós
Der Titel ist alttestamentlich fest geprägt. In 5. Mose 10,17 heißt es: „Denn der HERR, euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr über alle Herren, der große, mächtige und schreckliche Gott“; ebenso Nehemia 9,32 und Daniel 9,4. In der Septuaginta und im hellenistischen Judentum ist die Wendung ein Reservattitel des einen Gottes; sie gehört in den Bereich jener Namen, mit denen sich Israel gerade gegen die Vielgötterei abgrenzte.
Im Neuen Testament kommt die Wendung nur hier vor. Das ist ein bemerkenswerter Befund. Wäre Titus 2,13 eine christologische Aussage, so wäre es die einzige Stelle des Neuen Testaments, an der Jesus mit dem exklusivsten Gottestitel des Alten Testaments benannt würde — und zwar beiläufig, ohne Erläuterung, ohne Verteidigung, ohne dass irgendein anderer Apostel ihm darin folgte.
Der Rakower Katechismus führt Titus 2,13 aus eben diesem Grund unter den Stellen auf, an denen „man allerorten meint, Jesus werde von der Schrift… als großer Gott“ benannt — und er behandelt sie in einer Reihe mit Jer. 23,6; Sach. 2,8; 1. Joh. 5,20; Jud. 4; Offb. 1,8; Apg. 20,28. Sein Verfahren ist dabei durchweg dasselbe: Er zeigt an jeder Stelle einzeln, dass der Bezug entweder grammatisch offen oder inhaltlich anders zu bestimmen ist. Die Summe schwacher Stellen ergibt keinen starken Beweis.
„Heiland“ — sōtér
Das Argument, „Heiland“ könne sich hier nur auf Christus beziehen und ziehe darum „großer Gott“ mit sich, scheitert am Brief selbst. Der Titusbrief nennt sechsmal einen Heiland, und er verteilt den Titel gleichmäßig: „nach dem Befehl Gottes, unseres Heilandes“ (1,3), „die Lehre Gottes, unseres Heilandes“ (2,10), „die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes“ (3,4) — und daneben „Christus Jesus, unser Heiland“ (1,4), „Jesus Christus, unser Heiland“ (3,6).
Besonders aufschlussreich ist Titus 3,4-6, weil dort beide Verwendungen in einem einzigen Satzgefüge stehen: Gott, unser Heiland, hat uns gerettet „durch Jesus Christus, unseren Heiland“. Deutlicher kann ein Verfasser nicht anzeigen, dass der Titel für ihn zwei Träger hat, die er sorgfältig auseinanderhält: den Vater als Urheber, den Sohn als Mittel. Wer aus dem bloßen Wort „Heiland“ in 2,13 eine Identifikation ableitet, liest gegen den Sprachgebrauch derselben zwei Kapitel.
Die Artikelfrage — ein Artikel, zwei Größen
Die sogenannte Granville-Sharp-Regel besagt, dass zwei durch kaí verbundene Substantive im Singular, die nicht Eigennamen sind und einen einzigen vorangestellten Artikel teilen, dieselbe Person bezeichnen. Sharp selbst hat seine Regel mit ausdrücklichen Einschränkungen versehen: keine Eigennamen, kein Plural. Genau daran entzündet sich der Streit, denn „Jesus Christus“ ist ein Eigenname, und die Frage, ob „unser Heiland“ bereits durch das hêmōn hinreichend bestimmt und damit artikellos möglich ist, ist keine Nebensächlichkeit, sondern der Kern des Problems.
Die polnischen Brüder antworten nicht mit grammatischer Theorie, sondern mit Belegen. Der Rakower Katechismus nennt Eph. 5,5 („im Reich Christi und Gottes“), 2. Thess. 1,12 („nach der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesus Christus“) und 1. Tim. 5,21 („vor Gott und Christus Jesus und den auserwählten Engeln“). In allen drei Fällen steht die Konstruktion, die angeblich zwingend eine Person bezeichnet — und in allen drei Fällen liest sie kein Ausleger so. Eine Regel, die an ihren eigenen Musterstellen nicht greift, kann keinen Lehrsatz begründen.
Hinzu kommt ein methodischer Einwand von einigem Gewicht. Die Regel wurde 1798 formuliert, in einer Streitschrift, deren erklärtes Ziel es war, den Sozinianern und Arianern die Berufung auf eben diese Stellen zu nehmen. Ein Instrument, das eigens zur Entscheidung eines Streits konstruiert wurde, kann diesen Streit nicht neutral entscheiden. Der Katechismus hatte den Einwand bereits ein Jahrhundert vorher formuliert: „wo sie aber nicht zutrifft, wird dies aus den Umständen der Sache erkannt“ — also aus dem Zusammenhang, nicht aus der Setzerregel.
Vergleich der Auslegungen
Bezug auf Sozzini und den Rakower Katechismus
Der Rakower Katechismus behandelt Titus 2,13 in dem Abschnitt über die „göttlichen Namen Christi“ als das „fünfte Zeugnis“. Er nennt die beiden Gründe, aus denen die Gegenseite die Bezeichnung „des großen Gottes“ auf Christus bezieht — die Artikelregel und die Erwartung der Ankunft des Sohnes — und beantwortet beide der Reihe nach. Der zweite Punkt enthält die eigentliche exegetische Pointe:
„Paulus sagt nicht ‚die wir die Ankunft des großen Gottes erwarten‘, sondern er sagt ‚die wir die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes erwarten‘. Dass aber mit Recht gesagt wird, die Herrlichkeit Gottes des Vaters werde erscheinen, wenn Christus zum Gericht kommt, zeigen die Worte Christi, wenn er sagt, dass er kommen werde in Herrlichkeit, das heißt mit der Herrlichkeit Gottes, seines Vaters.“
Rakower Katechismus, ‚Die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes‘
Die Beweisführung ist bemerkenswert nüchtern. Sie behauptet nicht, die trinitarische Lesart sei sprachlich unmöglich; sie zeigt, dass der Text eine zweite Lesart erlaubt, die sich zwanglos in die Redeweise Jesu über seine eigene Wiederkunft fügt. Und sie fügt hinzu, was häufig überlesen wird: „Außerdem ist es keineswegs ungereimt, wenn man sagt, Gott der Vater werde kommen oder vielmehr erscheinen, wenn der Sohn kommt, um die Welt zu richten.“
Auf das Artikelargument antwortet der Katechismus bereits in der Erwiderung auf das vorhergehende Zeugnis, den Judasbrief. Dort steht der Kern der sprachlichen Auseinandersetzung, und er ist in einer einzigen Wendung zusammengefasst:
„Jedoch muss festgehalten werden, dass diese Regel auch bei den Griechen keine ausnahmslose ist; wo sie aber nicht zutrifft, wird dies aus den Umständen der Sache erkannt. Dass jene Regel in der Tat keine ausnahmslose ist, zeigen die Zeugnisse des Neuen Testaments selbst, wie jene Stelle, wo geschrieben steht: ‚Er trieb alle Verkäufer und Käufer hinaus‘, wo im Griechischen nur ein einziger Artikel den Wörtern ‚Käufer‘ und ‚Verkäufer‘ vorangestellt ist.“
Rakower Katechismus, ‚Der alleinige Herrscher‘
Der Katechismus schließt diese Reihe mit dem entscheidenden Hinweis: „Und überdies zeigen die Stellen Eph. 5,5; 2. Thess. 1,12; 1. Tim. 5,21 deutlich, dass jene Regel keine ausnahmslose ist.“ Damit ist der Streit auf die Ebene verlagert, auf die er gehört: Nicht eine Regel entscheidet, sondern der Zusammenhang — und der Zusammenhang des Titusbriefes unterscheidet Gott und Christus in jedem einzelnen Kapitel.
Wie wenig es den polnischen Brüdern dabei um eine Herabsetzung Christi ging, zeigt ihre Behandlung der verwandten Stelle 1. Joh. 5,20. Der Katechismus verwahrt sich dort ausdrücklich gegen das Missverständnis, es werde Christus überhaupt jede Göttlichkeit abgesprochen:
„Ich bestreite, dass sich diese Worte ‚Dieser ist der wahre Gott‘ auf den Sohn beziehen — nicht weil ich leugnete, dass Christus in seinem eigenen Sinne wahrer Gott ist, sondern weil ich leugne, dass er jener wahre Gott ist, von dem diese Stelle spricht.“
Rakower Katechismus, ‚Christus als wahrer Gott‘
Diese Unterscheidung — Christus ist Gott „in seinem eigenen Sinne“, aber nicht der eine höchste Gott — hat Fausto Sozzini in seinen Antworten an Franciscus David begrifflich ausgearbeitet. Er unterscheidet zwischen der Gottheit, die Gott mit niemandem teilen kann, und der Gottheit, die er mitteilt:
„Die Gottheit Gottes ist insgesamt zweifacher Art: die eine, die wir die wesenhafte nennen können, von der Gott selbst spricht, wenn er beteuert, dass seine Herrlichkeit von der Erde aus nicht zu sehen sein wird; die andere darf man die wirksame nennen, das heißt die Wirkung seiner Natur und Wirksamkeit. Erstere teilt Gott den Geschöpfen nicht mit …; letztere hingegen teilt er mit.“
Fausto Sozzini, „Über die Ehre Christi“, ‚Die den Geschöpfen mitgeteilte Gottheit‘
Damit ist auch der Vorwurf entkräftet, die sozinianische Lesart mache aus Christus eine bloße Nebenfigur. In der Disputation mit Christian Francken hat Sozzini den Gegensatz von Schöpfer und Geschöpf gerade nicht als Grenze der Christusehre gelten lassen, sondern als Beweis dafür, dass Ehre übertragbar ist:
„Und wenn auch der Abstand zwischen Gott und dem Geschöpf der größte ist, so ist es doch nicht notwendig, dass der Unterschied zwischen der Ehre Gottes und der des Geschöpfes ebenso groß sei. Denn Gott kann, wem er will, seine Ehre mitteilen; dies hat er Christus erwiesen, der solcher Ehre würdig ist und den zu verehren die Heilige Schrift nicht ohne die gewichtigsten Gründe befiehlt.“
Fausto Sozzini, „Über die Ehre Christi“, Disputation mit Christian Francken
Zwischen diesen beiden Sätzen liegt die ganze sozinianische Position zu Titus 2,13. Die Herrlichkeit, die bei der Wiederkunft erscheint, ist Gottes eigene — sie gehört zu dem, was er nicht mitteilt. Die Ehre, die Christus gebührt, ist ihm verliehen — und darum wirklich, nicht geringer, sondern anders begründet.
Buchübersicht zu den Schriften Sozzinis
Logische Argumente
Die folgenden Punkte fassen zusammen, warum Titus 2,13 als Beweisstelle für die Gottheit Christi nicht trägt:
- Zwei Lesarten, kein Zwang. Das Griechische lässt beide Bezüge zu. Wo die Sprache selbst nicht entscheidet, kann kein Lehrsatz gewonnen werden, der anderswo nicht klar bezeugt ist. Eine Dogmatik, die auf einer Genitivkette ruht, ruht auf Sand.
- Das regierende Wort ist „Herrlichkeit“. Paulus schreibt nicht „die Erscheinung des großen Gottes“, sondern „die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes“. Das erlaubt ohne Zwang, den ersten Genitiv auf die Herrlichkeit zu beziehen und den zweiten gleichgeordnet daneben zu stellen.
- Die Artikelregel ist nicht ausnahmslos. Matth. 21,12; 16,1; Eph. 2,20; 3,5; Hebr. 9,19 zeigen einen Artikel über verschiedenen Größen; Eph. 5,5; 2. Thess. 1,12; 1. Tim. 5,21 zeigen genau die strittige Konstruktion über Gott und Christus, ohne dass jemand sie identifiziert.
- Die Regel ist jünger als der Streit. Granville Sharp formulierte sie 1798, ausdrücklich zur Widerlegung der Antitrinitarier. Ein eigens für einen Streitfall geschaffenes Instrument kann diesen Streitfall nicht unabhängig entscheiden.
- „Großer Gott“ ist ein alttestamentlicher Reservattitel. 5. Mose 10,17; Neh. 9,32; Dan. 9,4 gebrauchen ihn ausschließlich für den HERRN. Im Neuen Testament kommt er nur hier vor — ein einziger, beiläufiger Beleg würde eine völlig neue Redeweise begründen.
- Der Brief selbst unterscheidet. Titus 1,3-4 und 3,4-6 nennen Vater und Sohn nebeneinander „Heiland“ und halten sie dabei sorgfältig auseinander. Aus dem Titel „Heiland“ folgt darum nichts über die Zahl der Gemeinten.
- Der unmittelbare Kontext wechselt die Bezüge. Vers 11 spricht von der „Gnade Gottes“ (unbestritten der Vater), Vers 14 von dem, „der sich selbst für uns gegeben hat“ (unbestritten Christus). Ein Wechsel zwischen beiden ist in diesem Abschnitt das Normale, nicht das Auffällige.
- 1. Timotheus 6,14-16 ist die Gegenprobe. Dort erwartet Paulus die „Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus“, die „zu seiner Zeit zeigen wird der Selige und allein Gewaltige …, der allein Unsterblichkeit hat“. Dieselbe Erwartung, dieselbe Zweiheit — und dort ohne jede Mehrdeutigkeit.
- Jesus selbst hat es so gesagt. Er kommt „in der Herrlichkeit seines Vaters“ (Mark. 8,38; Matth. 16,27). Dass bei seinem Kommen die Herrlichkeit des Vaters erscheint, ist keine Hilfskonstruktion, sondern seine eigene Ankündigung.
- Das Maß der Beweislast stimmt nicht. Wenn eine Lehre, die als Herzstück des Glaubens gilt, an einer Handvoll grammatisch strittiger Stellen hängt, während die eindeutigen Aussagen über den einen Gott sich zu Hunderten finden, dann liegt die Beweislast nicht bei denen, die die Hunderte ernst nehmen.
Biblische Querverweise
Diese Stellen vertiefen die Auslegung im Lichte der gesamtbiblischen Bezeugung:
5. Mose 10,17
„Denn der HERR, euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr über alle Herren, der große, mächtige und schreckliche Gott.“ Hier steht die Wendung, die Titus 2,13 aufnimmt, in ihrem ursprünglichen Zusammenhang: als Abgrenzung des einen Gottes gegen alle anderen. Der Titel ist in der hebräischen Bibel niemals übertragbar; er bezeichnet den, der keinen neben sich hat.
1. Timotheus 6,14-16
Paulus mahnt, das Gebot unbefleckt zu halten „bis auf die Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, welche zu seiner Zeit zeigen wird der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat“. Die Struktur ist genau die von Titus 2,13, nur ohne Mehrdeutigkeit: Der Sohn erscheint, und der Vater ist es, der diese Erscheinung herbeiführt und in ihr sichtbar wird. Wer das Muster hier akzeptiert, kann es dort nicht bestreiten.
Titus 3,4-6
„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes … machte er uns selig … durch Jesus Christus, unseren Heiland.“ In einem einzigen Satzgefüge trägt der Titel „Heiland“ zwei verschiedene Träger, und der Verfasser markiert die Rollen sorgfältig: Gott rettet, Christus ist das Mittel. Damit ist das Hauptargument aus dem Wort „Heiland“ im selben Brief entkräftet.
2. Thessalonicher 1,12
„… nach der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesus Christus.“ Der Rakower Katechismus führt diese Stelle ausdrücklich als Gegenbeispiel an: Die Konstruktion ist dieselbe, der Artikel steht ebenso nur einmal — und doch liest hier niemand eine einzige Person. Wo eine Regel an ihren eigenen Parallelen versagt, kann sie an der strittigen Stelle nichts beweisen.
Epheser 5,5
„… kein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.“ Auch hier verbindet ein einziger Artikel zwei Größen, die kein Ausleger identifiziert. Der Katechismus nennt die Stelle in einer Reihe mit 2. Thess. 1,12 und 1. Tim. 5,21 als Beleg dafür, dass die Artikelregel „keine ausnahmslose ist“.
Markus 8,38
„… wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.“ Jesus selbst beschreibt seine Wiederkunft als das Erscheinen einer Herrlichkeit, die nicht seine eigene ist, sondern die seines Vaters. Damit ist die sozinianische Lesart von Titus 2,13 nicht nur möglich, sondern von Jesu eigener Redeweise her nahegelegt.
Johannes 17,3
„Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“ Hier steht dieselbe Zweiheit ohne jede grammatische Unschärfe: der allein wahre Gott und der von ihm Gesandte. Dieser Satz gehört zu den klaren Stellen, an denen sich die dunklen messen lassen müssen.
1. Timotheus 2,5
„Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus.“ Paulus formuliert hier, wo es ihm ausdrücklich um die Sache geht, mit größter Schärfe: ein Gott, und daneben — nicht darin — ein Mittler. Was er im Lehrsatz sagt, kann nicht durch das ersetzt werden, was man aus einem Nebensatz herausliest.
Einwände und sozinianische Antworten
1. Die Artikelregel entscheidet die Sache
Im Griechischen steht vor „großer Gott“ ein Artikel, vor „Heiland“ keiner. Nach der Granville-Sharp-Regel bezeichnen zwei so verbundene Substantive im Singular dieselbe Person. Die Stelle ist damit grammatisch eindeutig: Jesus Christus ist der große Gott.
Die Regel ist nicht falsch, aber sie ist keine Naturgesetzlichkeit, und sie hat Ausnahmen, die ihre Urheber selbst benennen mussten. Sharp schloss Eigennamen und Plurale ausdrücklich aus — und „Jesus Christus“ ist ein Eigenname. Ob die Konstruktion damit unter die Regel fällt, ist gerade die Streitfrage und kann nicht durch Berufung auf die Regel entschieden werden.
Der Rakower Katechismus antwortet nicht mit Theorie, sondern mit Textbelegen: Matth. 21,12 fasst Käufer und Verkäufer unter einen Artikel; Matth. 16,1 Pharisäer und Sadduzäer; Eph. 2,20 und 3,5 Apostel und Propheten; Hebr. 9,19 Kälber und Böcke. Und er nennt drei Stellen, an denen Gott und Christus unter einem Artikel stehen — Eph. 5,5; 2. Thess. 1,12; 1. Tim. 5,21 —, ohne dass irgendein Ausleger sie zu einer Person zusammenzieht.
Hinzu kommt der historische Befund. Die Regel wurde 1798 formuliert, in einer Schrift, deren Titel bereits ankündigt, dass sie gegen die Gegner der Trinitätslehre gerichtet ist. Sie ist damit nicht ein neutrales Werkzeug, das man auf die Stelle anwendet, sondern selbst ein Argument in der Sache. Wer sie als Entscheidung anführt, setzt voraus, was er beweisen will.
Schließlich der Grundsatz, den der Katechismus formuliert: „wo sie aber nicht zutrifft, wird dies aus den Umständen der Sache erkannt.“ Genau darum geht es. Der Zusammenhang des Titusbriefes unterscheidet in jedem Kapitel zwischen Gott, unserem Heiland, und Jesus Christus, unserem Heiland. Wo der Zusammenhang so eindeutig ist, trägt eine Setzerregel die Gegenentscheidung nicht.
2. Wir erwarten die Ankunft Christi, nicht die des Vaters
Das Neue Testament kennt nur eine Wiederkunft, und das ist die des Sohnes. Der Vater kommt nicht. Wenn also von der erwarteten Erscheinung die Rede ist, kann nur Christus gemeint sein — und damit bezieht sich auch „großer Gott“ auf ihn.
Dieser Einwand wäre stärker, wenn Paulus geschrieben hätte, was ihm hier unterstellt wird. Er schreibt aber nicht „die Ankunft des großen Gottes“, sondern „die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes“. Das ist der Punkt, an dem der Rakower Katechismus einsetzt: Erwartet wird nicht das Kommen des Vaters, sondern das Sichtbarwerden seiner Herrlichkeit — und das geschieht, wenn der Sohn kommt.
Dass die Herrlichkeit des Vaters bei der Wiederkunft des Sohnes erscheint, ist keine sozinianische Erfindung, sondern die Redeweise Jesu selbst. Er kommt „in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln“ (Mark. 8,38), und Matth. 16,27 wiederholt es. Wer diese Aussagen ernst nimmt, hat kein Problem mit einem Satz, der die Erscheinung der väterlichen Herrlichkeit und das Kommen des Sohnes in einem Atemzug nennt.
Der Katechismus geht sogar noch einen Schritt weiter und hält fest, es sei „keineswegs ungereimt, wenn man sagt, Gott der Vater werde kommen oder vielmehr erscheinen, wenn der Sohn kommt, um die Welt zu richten“. Damit ist der Einwand auch in seiner stärksten Form beantwortet: Selbst wenn man dem Vater ein „Erscheinen“ zuschreiben wollte, wäre daran nichts Unbiblisches, weil der Richtende sein Amt vom Vater empfangen hat und in dessen Namen handelt.
Und die Gegenprobe steht in demselben Corpus. In 1. Tim. 6,14-16 erwartet Paulus die „Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus“ und fügt hinzu, dass diese Erscheinung von dem gezeigt werden wird, „der allein Unsterblichkeit hat“. Dieselbe Verknüpfung von Ankunft des Sohnes und Wirken des Vaters — nur dass dort niemand auf den Gedanken kommt, beide zu einer Person zu machen.
3. „Heiland“ ist ein Christustitel und zieht „Gott“ mit sich
„Unser Heiland Jesus Christus“ ist eine feste christologische Formel. Da sie mit „großer Gott“ unter einem Artikel verbunden ist, gehört beides zusammen und bezeichnet den einen Retter, der zugleich Gott ist.
Der Titusbrief gebraucht „Heiland“ sechsmal, und er verteilt ihn gleichmäßig auf zwei Träger. Dreimal steht er beim Vater: „nach dem Befehl Gottes, unseres Heilandes“ (1,3), „die Lehre Gottes, unseres Heilandes“ (2,10), „die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes“ (3,4). Dreimal steht er bei Christus (1,4; 2,13; 3,6). Von einer ausschließlich christologischen Formel kann also keine Rede sein.
Am deutlichsten wird das in 1,3-4, wo beide Verwendungen unmittelbar nebeneinander stehen und ausdrücklich unterschieden werden. Und in 3,4-6 führt der Verfasser sie in einem einzigen Satzgefüge zusammen, ohne sie zu vermischen: Gott, unser Heiland, rettet — durch Jesus Christus, unseren Heiland. Wer den Titel als Identitätsbeweis nimmt, müsste diese Sätze für sinnlos erklären.
Der Sprachhintergrund bestätigt das. Im Alten Testament ist „Retter“ ein Gottestitel (Jes. 43,11; 45,21), wird aber auch auf von Gott gesandte Menschen angewandt (Ri. 3,9.15; Neh. 9,27). Der Titel bezeichnet also eine Funktion, die Gott ausübt und die er auch durch andere ausüben lässt. Er entscheidet nichts über das Wesen dessen, der ihn trägt.
Es bleibt also dabei: Aus „Heiland“ folgt keine Gottheit im Sinne der Wesensgleichheit, und aus der Verbindung zweier Titel unter einem Artikel folgt keine Identität der Träger. Beide Argumente stützen sich gegenseitig, aber keines steht für sich — und zwei nicht tragende Argumente ergeben zusammen kein tragendes.
4. Vers 14 spricht von dem, der sich gegeben hat — also ist der ganze Ausdruck christologisch
Unmittelbar nach der strittigen Wendung folgt: „der sich selbst für uns gegeben hat“. Der Relativsatz knüpft an das Vorhergehende an, und er kann sich nur auf Christus beziehen. Also handelt der ganze Ausdruck von Christus — einschließlich „großer Gott“.
Der Relativsatz knüpft an das unmittelbar Vorangehende an, und das unmittelbar Vorangehende ist „unser Heiland Jesus Christus“. Genau das erwartet man auch bei zwei Bezugsgrößen: Das Rückbezügliche greift den nächsten passenden Bezugspunkt auf. Der Einwand zeigt also, was ohnehin unstrittig ist, und beweist nichts über den weiter entfernten Genitiv.
Der Rakower Katechismus hat diese Art von Argumentation an anderer Stelle ausführlich behandelt, nämlich bei 1. Joh. 5,20. Dort weist er darauf hin, dass Relativpronomina „sich nicht immer auf das unmittelbar Vorangehende beziehen, sondern häufig auf dasjenige bezogen werden, wovon hauptsächlich die Rede ist, auch wenn es weiter entfernt steht“, und belegt es mit Apg. 7,18-19; 10,6 und 2. Joh. 7. Die Regel geht also in beide Richtungen und entscheidet nichts.
Sieht man auf den Abschnitt als Ganzes, so spricht er ohnehin gegen den Einwand. Vers 11 handelt von der „Gnade Gottes“, Vers 13 von der Erscheinung, Vers 14 von dem, der sich hingegeben hat. Zwischen Vater und Sohn wird in drei aufeinanderfolgenden Sätzen gewechselt — das ist paulinischer Normalstil, kein Hinweis auf Identität.
Und inhaltlich ist der Relativsatz sogar ein Gegenargument. „Der sich selbst für uns gegeben hat“ beschreibt eine Hingabe, die einen Empfänger voraussetzt und einen Auftraggeber kennt. Paulus sagt an anderer Stelle, dass Gott ihn dahingegeben hat (Röm. 8,32). Der Satz beschreibt also gerade das Verhältnis zweier, nicht die Identität eines.
5. Diese Auslegung macht Christus klein
Wer Christus den Titel „großer Gott“ abspricht, nimmt ihm seine Ehre. Am Ende bleibt ein bloßer Mensch, dem man nicht vertrauen und den man nicht anbeten kann — und der Trost des Evangeliums, dass Gott selbst uns gerettet hat, ist dahin.
Die polnischen Brüder haben Christus nicht klein gemacht, sondern seine Ehre ausdrücklich verteidigt — und zwar gegen Angriffe aus dem eigenen Lager. Fausto Sozzinis Disputation mit Christian Francken ist genau darauf gerichtet: Francken argumentierte, ein Geschöpf dürfe keine religiöse Anbetung empfangen; Sozzini antwortete, Gott könne seine Ehre mitteilen, wem er wolle, und er habe es Christus erwiesen, „der solcher Ehre würdig ist“.
Ebenso unterscheidet Sozzini in den Antworten an Franciscus David zwischen der „wesenhaften“ Gottheit, die Gott nicht mitteilt, und der „wirksamen“, die er mitteilt. Christus hat nach dieser Lehre wirklich göttliche Macht, göttliches Amt und göttliche Ehre — empfangen, nicht ererbt. Der Rakower Katechismus formuliert dieselbe Position knapp: Christus ist „in seinem eigenen Sinne wahrer Gott“, aber nicht jener höchste Gott, von dem die Schrift sagt, dass er allein ist.
Der Trost des Evangeliums hängt daran nicht. Er hängt daran, dass Gott den Sohn gesandt und ihn auferweckt hat, dass er ihm alle Gewalt gegeben hat im Himmel und auf Erden und dass er durch ihn richten wird. Das alles setzt voraus, dass Gott und der Gesandte zwei sind — sonst gäbe es kein Senden, kein Auferwecken, kein Übertragen der Gewalt und keinen Mittler.
Und schließlich: Wer Titus 2,13 sozinianisch liest, nimmt Christus nichts, sondern gibt ihm etwas zurück. Der Vers verheißt, dass in seinem Kommen die Herrlichkeit des Vaters erscheint — also dass der Sohn der Ort ist, an dem der unsichtbare Gott sichtbar wird. Das ist keine Herabsetzung, sondern die höchste Aussage, die über ein Gegenüber Gottes gemacht werden kann.
Theologische Konsequenzen
Verbundene Verse
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder kontrastieren die hier vorgetragene Auslegung:
- Johannes 17:3 — der allein wahre Gott und der von ihm Gesandte, ohne jede grammatische Unschärfe.
- 1. Timotheus 2:5 — ein Gott und ein Mittler: die Zweiheit im ausdrücklichen Lehrsatz.
- 1. Timotheus 6:16 — „der allein Unsterblichkeit hat“: der Kontext der Parallelstelle zu Titus 2,13.
- 1. Johannes 5:20 — dieselbe Frage nach dem Bezug eines Pronomens, vom Katechismus ausführlich behandelt.
- Römer 9:5 — die zweite große Interpunktions- und Bezugsfrage der paulinischen Briefe.
- Hebräer 1:8 — „Dein Thron, o Gott“: Anrede oder Aussage über Gott als Thron?
- Apostelgeschichte 20:28 — „mit seinem eigenen Blut erworben“: dieselbe Reihe des Katechismus.
- 1. Timotheus 3:16 — wie eine Textvariante über eine Gottesprädikation entscheidet.
- Kolosser 2:9 — „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“: mitgeteilte, nicht wesenhafte Göttlichkeit.
- Johannes 20:28 — das Thomas-Bekenntnis und die Grenzen des Wortes „Gott“.
- Philipper 2:9-11 — die Ehre, die Christus verliehen wird, „zur Ehre Gottes des Vaters“.
- 5. Mose 6:4 — das Schma als Maßstab, an dem sich jede Gottesprädikation messen lassen muss.
Zusammenfassung
Titus 2,13 gehört zu den wenigen Stellen, an denen das Neue Testament Jesus ausdrücklich „großer Gott“ nennen soll — und die ganze Beweiskraft hängt an einer Genitivkette und einem fehlenden Artikel. Das Griechische lässt beide Bezüge zu: „die Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus“ oder „die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus“. Wo die Sprache selbst nicht entscheidet, kann keine Wesensaussage gewonnen werden.
Der Rakower Katechismus hat den entscheidenden Einwand bereits formuliert: Paulus spricht nicht von der Ankunft des großen Gottes, sondern von der Erscheinung seiner Herrlichkeit. Damit ist der Bezug ohne jeden Zwang teilbar — die Herrlichkeit gehört dem Vater, das Kommen dem Sohn —, und er fügt sich genau in das, was Jesus selbst gesagt hat: dass er kommen werde „in der Herrlichkeit seines Vaters“.
Gegen die Artikelregel antwortet der Katechismus nicht mit Theorie, sondern mit den Zeugnissen des Neuen Testaments selbst. Käufer und Verkäufer, Pharisäer und Sadduzäer, Apostel und Propheten stehen unter einem einzigen Artikel; und in Eph. 5,5, 2. Thess. 1,12 und 1. Tim. 5,21 stehen sogar Gott und Christus so nebeneinander, ohne dass je ein Ausleger sie zu einer Person zusammenzog. Eine Regel, die an ihren eigenen Parallelen versagt, kann keinen Lehrsatz begründen — zumal sie erst 1798 formuliert wurde, ausdrücklich zur Widerlegung derer, gegen die sie ins Feld geführt wird.
Der Titusbrief selbst spricht am deutlichsten. Er nennt sechsmal einen „Heiland“ und verteilt den Titel gleichmäßig auf Gott den Vater und auf Jesus Christus; in 1,3-4 und 3,4-6 stellt er beide nebeneinander und hält sie sorgfältig auseinander. Wer in 2,13 aus dem Wort „Heiland“ eine Identifikation ableitet, liest gegen den Sprachgebrauch derselben zwei Kapitel.
Was diese Auslegung leistet, ist keine Verkleinerung Christi. Sozzini hat die Ehre Christi gegen Christian Francken ausdrücklich verteidigt und daran festgehalten, dass Gott seine Ehre mitteilen kann, wem er will — und dass er es Christus erwiesen hat. Was er dem Sohn nicht mitteilt, ist allein die „wesenhafte“ Gottheit, jene Herrlichkeit, von der Gott sagt, dass sie von der Erde aus nicht zu sehen sei. Genau diese Herrlichkeit aber verheißt Titus 2,13 für den Tag, an dem der Sohn kommt: Sie wird erscheinen — und der, in dem sie erscheint, ist der Mensch Christus Jesus, der Mittler zwischen Gott und den Menschen.
